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Verfasst am 17.04.2009 19:59:33 Uhr
Rund um Deutschland, Teil 3
2008 hatte ich mit dem Radreiseprojekt „Einmal rund um Deutschland radeln“ gestartet und wollte es dann auch abgeschlossen haben. Leider machte ein Trümmerbruch des rechten Schlüsselbeins 14 Tage vor den Sommerferien mir einen Strich durch die Rechnung. Die Sommerferien lang lag ich mit Schmerzmitteln zugedröhnt auf der Couch und in den Herbstferien kam der 16cm Nagel wieder raus.
Der Winter war dann lang und hart und ich wartete sehnsüchtig auf den Frühling. Das Aufbautraining wurde vielfältig betrieben. Erste Grundlagen mit dem Rad, dann ein größerer Block (6Wochen) Ausgleichssport und dann ging das Radtrainning richtig los. Ich fuhr Kilometer um Kilometer, ließ mich vom Wetter nicht beirren. So hatte ich schon einen recht guten Februar um dann im März voll in die Vollen zu schlagen. Da wurden von mir 1000km gemacht. Damit sollte ich eine gute Grundlage geschaffen haben, um die Tour mit Freude fahren zu können.
Die Osterferien nahten, das Wetter drohte wirklich gut werden. Sollte das wirklich stimmen? Aber ich hatte davor noch die wesentliche Reifenfrage zu klären. Straßenreifen oder Geländereifen? Auf Grund von diversen Empfehlungen nahm ich dann die Geländereifen. Die Fahrkarte wurde gekauft und das Packen für Fortgeschrittene fing an.
Wir werfen alles was mit soll, auf einen Haufen, lachen einmal kurz darüber und halbieren es. Naja, dem war dann leider nicht so. Die Langzeitwettervorhersage sagt gutes Wetter voraus, ich zocke nun und lasse die dicke Winterjacke zu Hause. Sie nimmt mir einfach zu viel Platz weg. Notfalls muss ich halt alles anziehen, was ich so mit habe. <10kg Gepäckgewicht mit Tasche. Dann noch mal 2kg für die vollen Flaschen + Schloss.
So ist nun das Rad startklar.
4.4.2009
Elsdorf – Glesch, Zugfahrt Glesch – Rostock
6km, 20min
Die 15min bis zum Bahnhof sind immer schnell geradelt. Auf dem Hinweg ist das immer irgendwie leichter als auf dem Rückweg. Komisch irgendwie...
Am Bahnhof erwartete mich eine Überraschung, meine beste Freund stand da und wollte sich noch verabschieden und mit mir auf den Zug warten. So vergeht die Wartezeit natürlich besonders schön und sehr schnell.
Die Bummelbahn kam pünktlich in Köln an und so musste ich die Zeit bis zum IC vertrödeln. Noch eine Zeitung gekauft und dann kam auch schon bald der Zug. Also wieder hoch zum Bahnsteig. Wo ist der Wagen 5? Ah, am Anfang des Zuges. Also gemütlich da hin geschoben. Dann wurde es so richtig satt hektisch. Denn die Durchsage: „Die Wagen verkehren in umgekehrter Reihenfolge“ sorgte für ein interessantes Chaos. Aber egal. Man hat ja noch genügend Zeit. Ab zum Ende des Zuges. Sind ja „nur“ 12 Waggons. Der Zug kommt mit leichter Verspätung in den Bahnhof und mir entgleiten die Gesichtszüge. Das Zugabteil war doch vorne am Zug! Uuuuaaaah!! Also rauf auf das Pedal und schnell durch das Gewimmel durch. Das fehlt noch, dass der Zug ohne mich los fährt! Aber es passte. Ich rief im vorbeifahren dem Personal zu: „ich muss auch noch mit!“.
Das Ganze hätte ja schon für so eine Zugfahrt gereicht. Aber es sollte noch viel besser kommen. Ich entspannt mich gerade beim Lesen der Süddeutschen Zeitung, hörte ein wenig Musik und sinnierte immer wieder darüber nach, warum immer so unsympathische und stinkende Personen sich direkt neben einen setzen müssen. Kurz vor Bremen kam die Zugbegleiterin und fragte, ob wer weiter als Hamburg fahren würde? Ja, ich, bis nach Rostock. Die letzten 4 Wagen würden in Hamburg abgesperrt werden. Man solle doch bitte weiter nach vorne gehen. Ja und was ist mit meinem Rad? Gute Frage, sie will ihren Chef fragen und mir Bescheid geben. In Bremen kamen noch 2 Radfahrer hinzu und ich teilte ihnen die „frohe“ Botschaft mit.
Bis kurz vor dem Hamburger Hauptbahnhof hörten wir dann nichts mehr. Dann kam der Zugchef und meinte, wir sollen einfach unsere Räder ans Ende vom Wagen 15 stellen. Wir wären in Wagen 19. Ja, ok. Also raus, schnell zum Wagen 15. Leider haben wir uns ein wenig verzählt und landeten im Übergangsbereich von Wagen 14/15. Nochmal raus? Niemals! Es wurde leicht gemosert. Wir moserten zurück. Die Mitreisenden mit einem kleinem Wanderprogramm unterhalten. Wie kommen wir mit den Rädern zum Wagenende? 1. Rad durch. Da passt wenigstens noch eins. Also das 2. Rad (beides abgewrackte Stadträder) da durch. Da passt noch ein Rad! Also ich dann da durch. Alles grinste schon, als mal wieder der Gang geräumt werden musste. O-ton Kind: „Das Rad ist aber nicht so verrostet wie die anderen!“ Wir drei nahmen es nur noch mit bitterbösen Humor.
Kaum hatten wir es uns stehend und lästernd da hinten „gemütlich“ gemacht, kam mal wieder die Schaffnerin. Uns war klar, das heißt nichts Gutes. Die Räder könnten da nicht stehen bleiben, da hätte der Chef sich vertan! Wir wären der guten Frau am liebsten an die Gurgel gegangen. Aber sie konnte da ja auch nichts dafür. Wenn irgendwas passieren würde, wäre sie ihren Job los und in Wagen 7 wäre ein Fahrradabteil. In Schwerin (das war der nächste Halt) müssten wir raus und nach vorne. Sie würde auch helfen kommen. Sie hat Wort gehalten und der Chef hat sogar mit gedacht und sich an die Tür gestellt, wo wir wieder rein mussten.
Im weiteren Streckenverlauf kam es dann zu weiteren Zugverspätungen. Das konnte uns egal sein. Abgekuppelt wurden die Wagen dann in Rostock... Da hätten wir locker drin sitzen bleiben können.
Das Hostel in Rostock ist vom Bahnhof nicht weit weg und leicht zu finden. Nach dem einchecken gab es dann wieder einen kleinen Bummel durch die Stadt, Sonnencreme kaufen.
Wieso muss man sich an solchen Tagen die Handknöchel anditschen und wieso blutet das dann wie Sau? Ganz toll, wenn man doch ganze 4 Pflaster mit hat.
5.4.2009
Rostock – Stralsund
131,5km, 6:42
Nach dem Frühstück ging es um kurz nach 9Uhr los. Die Straßen waren leer, der Weg zum Ostseeradweg ausgeschildert.
Es ging über ruhige Waldwege.
Hinter Hinrichshagen sollte dann der Weg über diesen ausgeschilderten Radweg (mit dem blauen Lolli!) gehen:
Ich verzichtete dankend und fuhr lieber die 6km bis nach Graal Müritz auf der Straße.
Dort kam ich dann auf den Ostseeradweg und kam nicht mehr aus dem staunen mehr raus.
Da war dann schnell eine erste kleine Pause von Nöten.
Sogar ich machte es mir mal gemütlich! Ok, nicht ganz. Kamera positionieren, Selbstauslöser aktivieren und dann hoffen, dass das Bild schnell wird.
Es ging danach hinter dem Deich weiter.
Auf der Darß ging es vom Strand weg ins „Hinterland“, so konnte der Bodden bewundert werden.
Irgendwann ist diese Halbinsel auch vorbei und es ging über eine etwas seltsam anmutende Brücke zurück auf das Festland.
Eine Fahrspur hatte die Brücke, die andere Fahrspur musste über Pontons.
Barth war erreicht. Sollte ich hier schon die Etappe beenden? Es ist noch früh und ich hatte Rückenwind. Ach, bis nach Stralsund geht das noch ohne Probleme.
Hier verabschiedete sich die Beschilderung von der Kartenbeschreibung. Ich habe mich an die Schilder gehalten. So wurden das dann einige Kilometer mehr. Und sehr durstige Kilometer.
Immer wieder auf dem Deich, entlang der Bodden.
Oder über kleine Waldwege.
Der Durst wurde immer mehr. Die Trinkflaschen schon seit weit über Stunde leer. Und immer noch nicht Zivilisation in Sicht. In den Ortschaften gab es ein paar Häuser, mehr nicht. Nach einer knappen weiteren Stunde war endlich Stralsund erreicht und die Tankstelle kam mir vor wie eine Oase.
Nach der Stärkung ging es in die Innenstadt.
Eine Bleibe für die Nacht suchen. Ich fragte auf dem Platz einen Herrn, wo ich denn ein Hotel finden würde. Ich hatte bis dahin kein einziges gesehen. Er zückte sein Blackberry (oder was es auch immer war) und fragte noch, bis wo mein Limit wäre. 50EUR. Ich solle mal beim Hotel zur Post fragen. Die hätten laut Internet Zimmer ab 35EUR/Nacht. Ihm käme das aber merkwürdig vor, denn es wäre ein 4Sterne Hotel.
Ich bin also dahin, locker mein Rad im Forum abgestellt und an die Rezeption und nachgefragt. Tatsächlich. Ohne Frühstück 35EUR, das Frühstück sollte 12EUR kosten. Dann einmal Übernachtung ohne Frühstück bitte!
Was war das ein toller Luxus an dem Abend. Das hat echt schon war. Da kann ich mich daran gewöhnen :D
6.4.2009
Stralsund – Jugendherberge Heringsdorf/Usedom
126,6km, 7:21
Nach dem Aufstehen ging es darum, Sachen wieder zusammen packen und auf zum Bäcker, frühstücken. 2 Brötchen für unterwegs wurden noch mit einer Tafel Schokolade belegt. Die Kombination Käsekürbiskernbrötchen + Milka war dann selbst für mich, wie ich hinterher feststellen musste, zu hart.
Kurz hinter Stralsund kam dann das, wovor man mich warnte. Kopfsteinpflaster. Aber nicht nur ein paar Hundert Meter sondern fast die komplette Strecke bis nach Greifswald. Es dürften über 20km am Stück gewesen sein. Die Bundesstraße führt zwar direkt daneben her, aber nicht so schön unter der Allee. Ich bin ja schon einiges von den Autofahrern gewohnt. Zweimal hatte ich von dieser Rüttelei die Nase voll, weil ich dort nicht so schnell fahren konnte, wie ich wollte und bin dann auf die Bundesstraße ausgewichen. Nach jeweils 1-2km bin ich freiwillig wieder 10km/h langsamer über das Kopfsteinpflaster gefahren.
In Mesekenhagen ging es dann endlich weg von der Bundesstraße und über Feldwege. Eine Wohltat, hatte ich doch schon sehr viel Zeit verloren. Da ich mir nicht sicher war, ob bei der ganzen Rappelei nicht irgendwelche schrauben sich gelockert haben, wurden schnell alle Schraubverbindungen kontrolliert. Alles hat gut gehalten. Ok, weiter geht es. Leider war der schöne Rückenwind von gestern nicht mehr da. Er kam von der Seite und von vorne. Stört mich das? Nein!
Die Hafenansicht von Greifswald ist schön.
Die Beschilderung hörte unten an der Ryck auf und wie sollte es dann weiter nach Wieck gehen? Ich stehe da so schön mitten im Weg und studiere die Karte und war mir schon recht sicher, das es der Weg sein müsste. Ein freundlicher Autofahrer hielt an und sagt mir, wie es weiter ging.
In Wieck ging es dann durch den Fischereihafen. Ein kurzer Regenschauer wäre mal nicht schlecht, denn dann würde das Rad nicht mehr so nach Fisch riechen... In Wieck war dann ein absolutes Wegechaos. In keinem anderen Ort habe ich so lange den richtigen Ausgang gesucht wie bei diesen 20 Häusern. Weiter ging es durch das Hinterland vom Greifswalder Bodden. Hinter Ludmin wurde die Strecke beim ehemaligen AKW so richtig übel.
Kein Kopfsteinpflaster, dafür zur Abwechslung Betonplatten. Padamm, padamm, padamm... In der Ludminer Heide wird zur zeit recht viel Holz geschlagen. Was riecht es hier denn so verkohlt? Brennt etwa der Wald? Was qualmt dort? Ach so, das sind kleine Kohlenmeiler! So etwas habe ich noch nie gesehen. Die Straße erforderte mittlerweile meine ganze Konzentration. Fahre ich auf dem kleinen Stück Asphalt oder doch lieber daneben auf der platt gewalzten Erde? Ich nehme den Asphalt und lasse die wenigen Autos durch den Staub fahren.
Die weitere Streckenführung bis nach Wolgast war ohne besondere Vorkommnisse. Nur das es nicht mehr ganz topfeben war und das ich mehr oder weniger die ganze Zeit Gegenwind hatte. Nie sehr stark, aber kontinuierlich.
Wolgast scheint nicht wirklich reich zu sein. Die Bausubstanz war jedenfalls nicht sonderlich gut.
Über die eindrucksvolle Hubbrücke ging es auf die Insel Usedom.
Noch ein letzter Stopp an der Tanke. Sich für die letzten Kilometer stärken. Wenn ich gewusst hätte, was mich da dann noch erwartet, hätte ich mehr gegessen :D Ich war ja da noch der Meinung, die letzten 35km rollste mal eben locker hin. Von wegen. Wer hat da eigentlich die Endmoräne vergessen?
Bis Trassenheide ging es ganz easy, ein paar andere Radler überholt. Die wunderten sich, was da knarzend vorbei huschte. Das Tretlager knarzt auf Teufel komm raus. Ich brauche echt keine Klingel, so laut ist der Antrieb. Da bleibt mir nur das ignorieren über. Ok, ab trassenheide hatte mich die Küste wieder und der Weg war so voller weichem Sand, das ich bis zur Felgenmitte darin einsank und das Hinterrad wegrutschte. Ich konnte nur noch abspringen. Also ein paar Meter schieben. So Sand in den Schuhen hat ja was...
Wenn man eh schon steht/schiebt, kann man auch einen Blick auf das Meer werfen.
Hinter Koserow kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Hoch und runter, wie bei einer Achterbahn.
Wenn man schnell genug ist, kommt man den Gegenanstieg auch fast ohne Mühe hoch. Wieso gucken die MTBler eigentlich so komisch, wenn man an denen mit Taschen vorbei rauscht? Zweimal hat mein Schwung nicht ausgereicht und bei gut 16% erlaube ich mir dann auch mal, 50m zu schieben.
Die Kilometer machten sich dann auch bemerkbar und mir lief ein wenig die Zeit weg. Die Schatten wurden länger und es wurde wieder merklich frischer.
In Bansin ging ich auf die Hauptstraße, um die Jugendherberge leichter zu finden. Ein kleiner Fehler, wie es sich hinterher raus stellte. Denn so hatte ich a) die Seebrücke von Heringsdorf verpasst und b) weil ich mich hab von einer zügig fahrenden Frau hab „ziehen“ lassen, zu weit gefahren. In Ahlbeck wurde ich dann entlang der Uferpromenade zurück geschickt.
Was für ein Wechsel vom 4Sterne Schuppen in eine Jugendherberge....
7.4.2009
Heringsdorf – Bellin (bei Ueckermünde)
96,3km 5:20
Früh ging es los. Laut der Internetangabe sollte es bis zur nächsten Jugendherberge nur 78km sein. Da ich gestern die Seebrücke verpasst hatte, ging es als erstes dort hin. Dadurch, dass die Seebrücke weite Teile mit Häusern bebaut ist, fällt es nicht so auf, dass diese 500m lang ist. In Bansin noch einen letzten Blick auf das Meer geworfen und dann hieß die Fahrtrichtung: SÜDEN! Erst einmal quer über die Insel Usedom.
Merke: Glaube nie einer Radkarte, wenn dort eine Straße gelb eingezeichnet ist. Auf der Generalkarte war die Strecke hinterher klein und weiß. Der Vorteil: fast kein PKW Verkehr. Die Ortschaften waren geprägt vom historischen Kopfsteinpflaster.
Mit Glück fand sich am hin und wieder am Rand etwas Sand und man konnte darauf etwas besser fahren. Heute war es endlich so warm, das ich 10km nach dem Start das 2. dicke Unterhemd ausziehen konnte und auch die Windweste verschwand in der Packtasche.
Warum muss hier noch so Endmoräne rumliegen? Kann die nicht wer weg machen? Das es so hügelig hier ist, hätte ich dann doch nicht gedacht.
Hinter Kachlin bin ich auf die B110 gegangen. Rückenwind und Wellblech. Bergab Schwung holen und zügig den Gegenanstieg wieder hoch. So gingen die Kilometer schnell vorbei. Hinter dem Ort Usedom gab es hin und wieder einen Radweg, bzw. er war gerade in Bau.
Hinter der Hubbrücke bei Zecherin ist dann wieder ein Radweg. Er führt unten am Moor entlang, während die Straße weiter oben verläuft.
In Pinnow einen Verpflegungsstopp eingelegt. So selten wie hier die Einkaufsmöglichkeiten sind, muss man sich frühzeitig darum kümmern. Notration Doppelkekse und ein trockenes Brötchen. Ok, 2 Kekse gehen immer. Nach dieser Stärkung ging es dann weiter. In Libnow ging der Radweg weg von der Straße, quer durch den Wald.
In Relzow kam man wieder an die Bundesstraße. Bei/in der großen Baustelle B110/B109 fuhr ich ein paar kleine Schlenker, damit ich nicht in den toten Winkel des wartenden LKWs kam, der auf die Bundesstraße wollte. Sofort erklärte mir ein Bauarbeiter, wie der Radweg geführt ist. Sehr freundlich, ich hatte das schon gesehen und war nur zu faul zum Anhalten.
Nach Anklam rein ging es sehr einfach. Da der Hinterradmantel die gestrige Tortur nicht wirklich gut verkraftet hatte und stark eierte, war mir klar, das ein neuer Reifen her musste. Nur wo findet man zur Mittagszeit in einer fremden Stadt einen Radhändler? 1. Person gefragt: war auch fremd. 2. Person: keine Ahnung. 3. Person (mit dem Stadtrad unterwegs) hat mir dann den Weg zu einem Händler erklärt. Merke: Wenn man einen Radhändler sucht, einen Radfahrer fragen.
Es war ein ZEG Händler, er hat also ein Mindestmaß an Zubehör da. Da ich nicht mit einem Straßenreifen hinten und einen Geländereifen vorne fahren wollte, wurden beide Mäntel gewechselt. Freundlicher Weise hat mir der Händler seine Standpumpe ausgeliehen. Ich glaube, so schnell hat er noch nie jemanden 2 Reifen wechseln sehen. Man muss dabei bedenken, das ich ja auch noch die Gepäcktaschen abnehmen musste.
Mit der Straßenbereifung fährt es sich sofort sehr viel angenehmer. Aber die Beine sind leer. Ich dachte, es wären nur noch 30km. Es waren aber noch deutlich über 40km...
Ich fuhr aus Anklam raus und machte an der Kreuzung ein missmutiges Gesicht und zückte die Karte. Schnellstraße, für Radfahrer verboten. So wie es schon von der Brücke aussah, war es einfach nur gefährlich auf dieser Straße zu fahren. Wie komme ich bloß nach Ueckermünde? Ich grübelte darüber nach, wie ich denn bitteschön die kleine weiße Straße aus Anklam nach Bargischow finden soll. Ich sah aus dem Augenwinkel, das aus dem Gartenbaugebiet eine Frau mit dem Rad hoch auf die Brücke fuhr. Sie hielt neben mir und fragte mich, wo ich denn hin müsste. Ich erklärte es ihr und sie sagte mir, das ich ihr einfach folgen sollte, sie würde in die Richtung fahren. Sie hat unterwegs viel erzählt. Viel habe ich aber nicht verstanden. Der Dialekt, genuschelt + Kaugummikauend, ist da oben doch recht speziell. Ich wusste danach nur, das es ca. 40km bis nach Ueckermünde sind und das sie von der Arbeit kam. Ich habe nur immer wieder freundlich genickt und hin und wieder ja gesagt. Hauptsache ich habe einen Wegführer. Es ging durch Downtown und vor einem Plattenbau hielt die Frau an und erklärte den weiteren Weg. Sie bemühte sihc, deutlich zu reden. Wo kam ich wieder raus? An der Bundesstraße. Immerhin ist es dort keine Schnellstraße gewesen. Ein sicheres Fahren gab es dort nicht. Ich war sehr froh, als ich nach 2km die Bundesstraße verlassen konnte. Verlassen? Eher ein flüchten war es. Wo war ich überhaupt? Woserow nannte sich die Siedlung. Eine winzige Straße führte in Richtung Bargischow. Irgend so ein kleiner Strakö wollte mir andie Wade, gut, dass da die Packtasche zwischen ist. Laut kläffend rannte er 200m bei 25km/h hinter mir her. Hinter der Bahnlinie fand ich den erlösenden Radroutenhinweis. Betonplatten, so weit wie das Auge reicht. Ich habe es so satt mit den Betonplatten und Kopfsteinpflaster. Wobei mir die Betonplatten lieber sind, findet es sich dort hin und wieder in der Mitte eine halbwegs gescheit befahrbare Strecke.
In Auerose gab es noch ein halb verfallenes Schloss zu bewunden.
Hinter Alt Kosenow nach Bugewitz ging es dann endlich wieder über eine normale Straße, schön gemütlich unter einer Allee her. Ich merke nicht nur die Beine, sondern auch die Hände, Arme, Schultern und Nacken von der starken Haltearbeit. Vor allem die Hände schmerzen.
Hinter irgendeinem Dorf ging es mal wieder über historisches Kopfsteinpflaster. Oder auch nicht. Ich fuhr auf dem Fußweg links daneben.
Wo ich mich genau befand, konnte ich zwischenzeitlich nicht mehr wirklich feststellen. Ich kam mir vor wie im Nirgendwo.
Was mich an diesen Straßen und vor allem Dörfern wundert ist, dass dort überhaupt noch Menschen wohnen. Und wer vor allem in den Plattenbauten dort wohnt. Man muss sich vorstellen, man kommt über irgend so einen Feldweg in einen Ort rein, stellt fest, das man sich bereits auf dem Hauptweg befindet und kommt dann an einem 3stöckigen bewohnten Plattenbau vorbei.
Grünberg. Endlich naht wieder die Zivilisation und ich weiß, wo ich bin. Es ist mehr oder weniger der Anfang von Ueckermünde. Noch ein Straßendorf. Mal zur Abwechslung kein Kopfsteinpflaster. Hinter dem Ort zeigt der Radwegweiser in den Wald. Ich überlege, ob ich ihn nehmen soll oder auf der Straße bleiben soll. Was soll es. Ich bin mittlerweile nicht mehr schnell unterwegs und da kann ich dann auch da rüber fahren. Ein Traum von 4km folgte. Über einen glatten, weichen Waldboden, Sonnendurchflutet, führte der schmale Weg zwischen den Bäume her. Beim durch schlängeln muss ich mich immer wieder daran erinnern, dass das Rad ein wenig breiter ist, nicht das ich an einem Baum hängen bleibe!
In Mönkebude merke ich sofort, das ich wieder in der Touristengegend bin. Die Bausubstanz ist deutlich besser. Die Kilometer bis nach Ueckermünde ziehen sich nun. Das, was ich heute morgen als Rückenwind hatte, habe ich nun als Gegenwind. Ah, das Jugendherbergeschild. Jetzt kann es ja nicht mehr weit sein. Wie, noch 6km? Endlos können solche Kilometer sein. Für die Gegend habe ich keinen Blick mehr. Das sehe ich mir morgen am Ruhetag alles an.
In der Juhe werde ich sehr freundlich vom Chef persönlich begrüßt. Das sind hier ganz andere Preise zu denen an der Küste. Selbst hier in der Juhe sind es über 12 EUR weniger! Für 21,80EUR Halbpension bei einem Zimmer,welches ich alleine nutze.
Nachdem das Rad versorgt ist, wird einmal bei den Eltern angerufen, damit die wissen, wo ich stecke und damit sie ein wenig mitreisen können. Danach wird der Straßendreck abgeduscht, alle Radklamotten durch gewaschen (sie werden sauberer, aber nicht mehr wirklich sauber). Die unterste Schichte (Unterhemd + Radhose) wurde jeden Tag gewaschen, da hält sich der Dreck in Grenzen, aber die äußere Schicht (Trikot + lange Hose) bekommen nur alle paar Tage eine Wäsche und sind entsprechend, äh, miefig und dreckig.... Die Socken wasche ich nicht mehr durch, die sind nun leider ganz hinüber. Schade, es waren meine Lieblingssocken.
Heute abend geht der große Hunger los. Ich fürchte für den morgigen Ruhetag, das es ein Freßtag wird.
8.4.2009 Ruhetag Bellin
12km, 0:45
Nach einem kräftigen Frühstück habe ich erst einmal beide Taschen ausgekippt und alles, was überflüssig, dh warm ist, auf einen Haufen geworfen. Hin und her überlegt, ob es sich lohnt, die Sachen nach Hause zu schicken. Ich mache es. Es ist ein kleines Risiko dabei, denn dann habe ich keine wirklich warmen Sachen mehr dabei. Dann müsste ich wirklich alles anziehen, was ich mit habe. Laut Wettervorhersage soll aber das Wetter die nächsten Tage so warm bleiben. Und dann habe ich es auch schon fast geschafft.
Ganz gemütlich bin ich nach Ueckermünde gerollt. Was sind die Beine müde... Eine Post ist schnell gefunden und das Paket wird geschnürt. Noch ein wenig durch das Städtchen gebummelt und 2 Karten für einen Geburtstagsgrüße ausgesucht. Da ich mal wieder keine Adressliste dabei hatte und bei der Hausnummer unsicher war, habe ich zum ersten Mal das Handy als Internetstation genutzt. Sehr praktisch! Das werde ich, wenn ich mal wieder in einer Stadt ein Hotel suche, ausnutzen.
Auf dem Rückweg noch bei einem Edeka einen „Großeinkauf“ getätigt. Brot, Bananen, Nudossi in der Tube, Getränke. So kann ich dann morgen da Picknick machen, wo es schön ist und ich Hunger habe. Platz ist ja das geringste Problem.
In einem Sportladen wurde noch ein paar Socken gekauft. Ein Paar Socken ist dann doch zu wenig. Wieso ist denn in Größe 41 alles ausverkauft, was halbwegs warm ist? Jetzt muss ich mit reinen Sommersocken klar kommen.
Nachmittag schlendere ich ein wenig durch den Wald. Ich fragte mich, warum die ganzen Kiefern angeritzt sind?
Ich kann mir in Ruhe 2 Kleiber aus nächster Nähe anschauen, wie sie den Baum hoch und runter rennen und Insekten suchen.
Halbpension kommt auf Radreisen immer gut. Viel Gewinn machen die mit mir beim Essen jedenfalls nicht. Es ist mir fast peinlich, was für einen Hunger ich zur Zeit habe. Das Leben ist auf das Elementare reduziert. Essen, trinken, schlafen, Radfahren, Weg suchen, Fotos machen, Tagebuch schreiben (ca. 30min/Tag).
Wieso wird der Haufen eigentlich nie kleiner? Jetzt heißt es, Taschen neu packen.
9.4.2009
Bellin – Gartz/Oder
108,1km, 5:51
Ich werde wach und was höre ich draußen? Nasse Straße? Och nöö... Schnell das Regenradar checken. Ok, die Regenwolke ist weg. Nach dem Frühstück sollte die Straße dann trockener sein.
Nach einigen Kilometer auf der leeren Straße geht es ab in den Wald. Ich bin von diesem Wald überwältigt von der Schönheit. So ging es dann viele Kilometer lang.
Hinter Rieth ging es auf die Trasse von der Randower Kleinbahn.
Herrlich, vor allem, wenn nebenher die Kopfsteinpflasterstraße her geht.
Es geht immer weiter durch arme Straßenörfer. Einmal kam ich mir vor wie im wilden Westen.
Es geht weiter über verlassene Sträßchen. Hier ist es so menschenleer, das jeder grüßt. Also der Autofahrer untereinander, die Autofahrer die Radfahrer(in), die Motorradfahrer grüßen... Also beim ersten wundert man sich, wenn man nach einer viertel Stunde den nächsten sieht, freut man sich und grüßt freundlich zurück.
Ein typisches Straßendorf.
Auch hier liegt so die Endmoräne rum. Bestimmt nur, um mich zu ärgern. Kraniche gibt es immer wieder zu sehen. Bei Plöwen habe ich einen kleinen Stopp eingelegt und einen Blick zurück geworfen. Was ist denn das für ein großer Vogel dort in der Luft? Ein Habicht kann es nicht sein, das muss ein Adler sein! Zum ersten mal sehe ich in freier Wildbahn einen Adler. Kurze Zeit später entdecke ich auch den 2. Adler, die beiden spielen in der Luft.
Heute habe ich das Gefühl, ein Durchlauferhitzer zu sein. Kommt oben Flüssigkeit rein, muss bald unten wieder was raus. Schrecklich, wenn man alle 45min eine PP (Pinkelpause) einlegen muss.
Aber soviel Zeit muss dann auch mal sein:
In Löcknitz wird Mittagsrast gemacht. Der Radweg ist schon die ganze Zeit super ausgeschildert. Die Karte braucht man wirklich nur zur Orientierung.
Irgendwann ist einmal keine PP angesagt, sondern ich muss dringend ein paar Klamotten ausziehen. Ich will halten, da schlängelt sich was weg. Es war ca. 1m lang, dünn, grünlich schimmernd. Für uns 2 ist eindeutig an dem Platz kein Platz für uns beide. Ich rolle ein paar Meter weiter und entledige dort der Klamotten.
Heute scheint sowieso ein Tag mit reichlich Viech zu sein. Einen tot gefahrenen Dachs sah ich auch noch, Störche und Rehe sieht man ja eh laufend.
Es geht wellig weiter. In Mescherin erreiche ich die Oder. Oder, wie es auf po0lnisch heißt Odra Zachodnia. Das obligatorische Grenzfoto muss sein:
Auf der Oderbrücke.
Die letzten Kilometer bis nach Gartz sind schnell gemacht. Heute geht es mal zur Abwechslung in eine Pension.
10.4.2009
Gartz/Oder – Neu Bleyen
107,7km 5:56
Die Wirtin erzählte mir beim Frühstück, das ca. 98% der Radreisenden anders rum fahren würden. Laut Wettervorhersage soll der kräftige Wind aus Ost bis Südost kommen. Keine tolle Windrichtung, wenn man in Richtung Süden fährt. Fast die komplette Strecke kam der Wind von vorne. Und man ist da oben auf dem Deich doch recht windanfällig.
Und bei Sonnenschein komme ich wieder auf komische Gedanken beim Knipsen...
Der Wasserstand von der Oder war so hoch, dass die Aue geflutet war.
Schafe sind schon komisch. Da haben die eine riesige Fläche, wo sich darauf verteilen könnten und was machen die? Sie stapeln sich fast.
Wenn man so langsam durch die Gegend rollt, macht man tolle Feststellungen. So fliegt zum Beispiel eine Hummel bei Gegendwind mit 19km/h durch die Gegend.
Wenn man an der Oder soviel Angst vor Hochwasser und Deichbrüchen hat, wieso werden die Deiche so schlechte gepflegt? Immer wieder sah ich Deiche, wo der Maulwurf sein Unwesen trieb. Wenn dort ein Deich bricht, läuft der Oderbruch voll wie eine Schüssel...
Wieso ist denn der Radweg mit einem Bauzaun versperrt? Wieso ist keine Umleitung ausgeschildert? Wo muss ich denn her? Oh, da kommen andere daher, also muss man da durch kommen. Der Zaun wurde umschoben und bis zur Baustelle gefahren. Gut, das Wochenende war...
Weiter ging es auf dem Deich.
Eine kleine Pause ist fällig. Und ich kann das Rad gerade mal nicht mehr sehen!
An einem Punkte konnte man insgesamt 4 Adler beim Balzflug beobachten. Es ist schon sehr beeindruckend, wenn die diesen Flug direkt über einen machen. Ich war jedenfalls sehr froh um diese Pause. Einheimische, die sich dieses Schauspiel auch anschauten, meinten noch lachend, das man dafür ja bald Eintritt verlangen könnte.
Tretstudie...
11.4.2009
Neu Bleyen – Guben
120,7km 6:30
Wieder Ostwind der Stärke 4. Im Vergleich zu gestern hat das den Vorteil, das man Seitenwind hat. Das Wind fahren ist viel eine Kopfsache. Gang leichter und die Landschaft genießen.
Heute morgen tut mir einfach alles weh. Rechte Achillessehne, rechte Schulter, beide Oberschenkel, Nacken, linkes Knie, Po... Das ist der Tribut an die ungewohnt vielen Kilometer. Nachdem ich warm gefahren bin, geht es dann.
Ich bin alleine auf weiter Flur. Der Osterhase steht schon in den Startlöchern und wird von mir aufgeschreckt. Es ist der Beweis, dass der Osterhase Samstags noch nicht die Eier verteilt. Er macht sich noch am Oderufer locker.
Alle paar Hundert Meter steht ein Grenzpfosten. Ein Aufstellsystem konnte nicht entdecken. Auf jeden Fall steht auf dem anderen Ufer das polnische Gegenstück.
Ein Schwan greift unten auf der Oder 2 Gänse an. Nicht nur das er sie anfaucht, sondern, der attackiert sie richtig und vertreibt sie sehr weit. Als alle drei Vögel in der Luft waren, ging es da auch noch zur Sache. Da war der Schwan aber ganz schön sauer. So etwas habe ich auch noch nie gesehen.
Vor Lebus wird es mit einem Mal sehr hügelig. Der Oderbruch hat ein Ende.
In Frankfurt (Oder) hat man einige Kontraste.
In einem Plus hole ich neue Verpflegung und unten am Ufer ist ein kleiner Werkstattstopp nötig. Eine Schraube beim Gepäckträger hält nicht mehr. Sie wird gegen eine längere Schraube vom Flaschenhalter getauscht. Weil ich schon mal dabei bin, bekommt die Kette auch noch ein wenig Öl. Selbst ist die Frau.
Die Hügel rund um Frankfurt überraschen mich. Ich komme diese langsam aber kontinuierlich hoch und habe noch einige Gangreserven über. Hmm, wenn ich noch Gangreserven habe, dann kann ich nicht sooo langsam sein. Jedenfalls überhole ich und werde nicht überholt. Die Polizei, die mich überholt, fährt vorbildlich an einem vorbei. Da bin ich schon anderes gewohnt. Oder wollten die sich nur das Rad und Trikot anschauen? Ist das in dieser Gegend kein so gutes Ding, wenn man ein Nationalmannschaftstrikot an hat?
In Brieskow geht es auf eine ausgeschilderte Radwegumleitung. Ich sehe, dass die Brücke, wo es drüber gehen soll, weg ist. Also nichts mit mal eben durch die Baustelle marschieren. Statt der 5km ist die Umleitung 10km lang. Und die zusätzlichen 5km sind reine Gegenwindkilometer. Ich sehe in der Ferne eine Radgruppe. Ich orientiere mich daran und versuche, diese zu einzuholen.
Als ich den Deich bei der Kunitzer Loose erreiche, beschließe ich, das es Zeit für die Mittagsrast ist. Sind ja nur noch 45 km bis zum Ziel. Dachte ich.
Ach ja, wenn dort einer einen Lenkerstopfen findet. Das ist meiner. Ich muss ihn dort verloren haben.
Ich bin froh um jede Infotafel, die am Radweg steht. Ich habe sie alle gelesen, das ist immer eine gute Ausrede, um eine kleine Verschnaufspause zu machen.
Bis nach Eisenhüttenstadt ist der Radweg wie geleckt. Topfeben und dann mit einem super Belag. Sehr fein!
In Eisenhüttenstadt verpasse ich den wesentlichen Abzweig und lande in den Wohnvierteln. Ich sehe zu, das ich schnell wieder Land gewinne. Auf dem Rückweg finde ich durch Zufall den Abzweig. Den habe ich auf jeden Fall nicht von der anderen Seite finden können. Wieder ein paar ungeplante Kilometer? Wieso hat man die ungeplanten Kilometer an den Tagen, wo man eh schon nicht mehr kann?
Och nöö, nicht schon wieder eine Umleitung! Auf nach Neuzelle mit seinem berühmten Kloster. Und noch einen Hügel, locker hoch fahren sieht anders aus. Kopf aus, treten! Oben bin ich dann schnell. Es erwartet mich nicht sofort eine Abfahrt, sondern es geht über ein „Hochplateau“ über Wellmitz nach Ratzdorf. Statt 5km 12km. In Ratzdorf verpasse ich die Neißemüdung. Ich habe nur noch den Gedanken, Guben irgendwie zu erreichen. Ich will nicht hier in der tiefsten Pampa einen Ruhetag einlegen.
Nun geht es an der Neiße (Nysa Luzycka) entlang.
Der Weg ist auch nun etwas anders.
In Coschen sagt ein Schild, das es noch 6,7km bis nach Guben sind. Sehr schön. 3Km weiter waren es dann 7,1km. Mir tat alles weh. Normaler Weise hätte ich mir schon längst irgendwo ein Bett gekauft. Aber ich wollte den Ruhetag nicht am letzten Punkt in der tiefsten Pampa verbringen. In Guben nutzte ich das Handy zur Hotelsuche. Mir war nach einen gewissen Grad an Luxus zwei Nächte.
Für den 1. Stock benötigte ich den Fahrstuhl. Trotzdem habe ich abends noch einen kleinen Spaziergang gemacht.
12.4.2009
Guben, Ruhetag
Oh wie schön zu wissen, das ich heute nicht mit dem Rad unterwegs sein muss. Ich nehme in Ruhe ein mit viel Liebe gemachtes Frühstück ein. Ich mache in Ruhe einen größeren Ortsspaziergang und schaue mir den Ort auf der deutschen und polnischen Seite an.
Auf diesem Stein kann man den Fahrplan der Postkutsche lesen.
Löwenzahn kämpft sich auch in Gubin überall durch.
In Guben wird sehr viel altes mit neuem verbunden.
Ich lese in einem Café in Ruhe die Zeitung und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen.
Sehr viele Häuser und Fabriken sind in den letzten Jahren abgerissen worden und dafür sind Parkanlagen entstanden. Das Konzept gefällt mir. Trotz dessen leidet Guben an einem Einwohnerschwund.
Nachmittags nutze ich die Zeit und gehe in das städtische Museum, wo ein wenig die Historie des Ortes dokumentiert ist. Leider ist es Multimedial aufgebaut und mir ist es einfach zu laut.
Die Spaziergänge taten den Beinen gut. Endlich tun mir die Knochen nicht mehr weh und ich brauche keinen Fahrstuhl mehr.
13.4.2009
Guben – Rothenburg/ O.L.
110km 6:00
Der Ruhetag und der gewisse Luxus des Hotels (bzw. des Bettes) haben richtig gut getan. Die gute Fee des Hauses wunderte sich, wie man in den beiden recht übersichtlichen Taschen alles unter bekommt. O-Ton: „Ist das alles? Das sah im Zimmer so viel aus!“ Da in Guben eine Bäckerei offen hatte, gab es noch einen Bäckereistop, um für mittags 2 Brötchen und eine Flasche Kakao zu holen. Zum ersten mal wurde mir der sächsische Dialekt so richtig bewusst. Es gab keinen Kakao, sondern „Gahgauuuh“ ;). Ich achte nicht beim einladen, das ich nun ein Ungleichgewicht in den Packtaschen habe. Ich muss dagegen halten und das merke ich schnell im Nacken.
Immer diesen Schildern lang!
Hin und wieder wird die Neiße zur Stromgewinnung genutzt. Mal ein deutsches, mal ein polnisches Kraftwerk.
Ansonsten geht es abwechslungsreich durch Wiesen, Äcker
und Wälder
Die kleinen Steigungen verleiten dazu, alles durch zudrücken. Da es durch so viele Wälder geht, ist der Wind der Stärke 4 aus Südost erträglich.
Es ist wieder schön warm und so können die Weste, Armlinge und Halstuch bereits vor der Mittagspause in der Packtasche verschwinden.
Stopp! Harte Bremsung! Vor mir wird gerade ein Gitter geöffnet und eine ganze Ziegenherd vor das Rad getrieben. Ich sah mich plötzlich in einer Herde Ziegen umzingelt. So schnell wie es begonnen hat, so schnell war es auch wieder vorbei. Nur 3 Nachzügler wollten einfach nicht von der einen Wiese.
In Bad Muskau gab es dann die Mittagsrast. Ich glaube, um die Beschlagnahmung dieses Platzes habe ich einige Leute ein wenig verärgert :D Das war der schönste Blick auf den berühmten Fürst Pückler Park.
Ich schätze, dass der Park größer als der ganze Ort ist.
Jedenfalls kommt es mir so vor.
Danach geht es auf dem leeren Radweg weiter. Alle paar Kilometer kommt eine kleine Ansiedlung. Das als Ort zu bezeichnen wäre übertrieben. Jetzt hat sich der Baustil auch ein wenig verändert. Es wird kein roter Feldbrandstein mehr verwendet, sondern gelbe Backsteine.
Der Radweg geht immer wieder hoch über der Neiße her.
Der Wind wird immer anstrengender. Die kurzen Steigungen versuche ich im gleichen Gang durch zudrücken. Ein Fehler, denn die Knie beschweren sich.
In Rothenburg wird der Marktplatz saniert. Ich überlege, ob ich das Fremdenzimmer nehmen soll oder doch lieber das Diakonie Gästehaus? Ich nehme den Luxus. Das Zimmer war auch top ausgestattet gewesen. Aber es kam da noch was hinterher.
Dann habe ich die Feststellung gemacht, je edler das Restaurant, desto übersichtlicher ist die Tellerbefrachtung. Lecker war es, aber viel zu wenig.
Auch wenn es ein etwas edleres Restaurant war, schützt es nicht vor Rechtschreibfehler :D
14.4.2009
Rothenburg – Zittau
68,5km 4:14
Ein teures Zimmer heißt zwangsläufig nicht, das man ein gescheites Frühstück bekommt. Selten so ein schlechtes Frühstück gehabt wie dort. Das waren dann hinterher 2 Brötchen mit Nutella und etwas Kaffee. Wie spannend... In der Preiskategorie erwarte ich eigentlich ein etwas luxuriöseres Frühstück.
Heute lief es so mittelprächtig. Egal, bei so einer kurzen Etappe. So rollte ich gemütlich nach Görlitz. Teilweise hell und freundlich, aber auch finster und verkommen.
Auch finstere Gesellen waren am Straßenrand. Schnell vorbei!
Am Viadukt wurde eine kleine Pause gemacht.
Weiter ging es an am Tagebausee und Schaufelradbagger. Niedlich im Vergleich zu unseren.
In Marienthal kann man ein sehr gut erhaltene Klosteranlage bewundern. Dort steht nach meinen Erkenntnissen der östlichste Nepomuk von Deutschland. Bis 1897 stand dieser auf der Klosterbrücke. Durch ein verheerendes Hochwasser wurde die Brücke (und viele andere Sachen auch) zerstört. Einige Jahre später fand man den Nepomuk im Sand der Neiße, grub ihn wieder aus und stellte ihn in den Hof der Klosteranlage.
Nun ging es die letzten Kilometer entlang der Neiße.
Mir wurde bewusst, das ich 1,5 Tage vor meinem unter Optimalbedingungenzeitplan war. Was dann tun? Mit dem Zug nach Dresden fahren und sich die Stadt anschauen? Direkt nach Hause fahren? Mit dem Rad nach Dresden fahren? Ich beschließe, mit dem Rad nach Dresden zu fahren, oder wenigstens rüber an die Elbe, dann kann ich mich da in die S-Bahn nach Dresden setzen.
In Zittau muss ich bei einer Beschilderung doch schmunzeln. Die Baustelle ist lange geräumt und trotzdem stehen noch diese Schilder.
Ich stehe da und grinse, hält ein älterer Herr neben mir. Ob ich mich hier auskennen würde. Ich erwiderte, das ich wüsste wo ich hin müsste. Er fragte mich, wo hier denn der beste Bärlauch wächst. Das wusste ich natürlich nicht. Er mit einem Grinsen im Gesicht: Ha! Sie kennen sich doch nicht aus!“
Auf dem Marktplatz ging es als erstes in die Touristeninformation um nach einer Karte zu fragen. Erfreulicher Weise hatten sie eine Wanderkarte, wo das tschechische Gebiet drauf war, welches ich benötigte. Auch eine Zimmerbuchung war kein Problem. Sehr schön.
Weiter ging es dann gemütlich schlendernd über den Marktplatz. Hier ist alles topp in Schuss.
Ein paar Meter weiter sieht es dann nicht mehr so toll aus.
Es ist ein interessanter Mix aus den Ruinen und den restaurierten Gebäuden. Meiner Meinung nach sollten die mehr den Mut haben, alte Gebäude einfach abzureißen und dort Parks anzulegen.
15.4.2009
Zittau – Dresden
109,5km 6:23
Die Fragestellung war: wie komme ich am schnellsten rüber an die Elbe? Indem ich von Zittau möglichst den direkten Weg in Richtung Westen fahre. Hmm, was könnten denn da für Steigungen sein? Hinter Studánka sieht es so aus, als ob man nur noch durch ein Flusstal fahren würde. Bis dahin? Und bis dahin? Müsste es eigentlich flach sein. Das da was von „Nationalpark Zittauer Gebirge“ und irgendwelchen schönen Aussichten auf und an der Strecke steht, übersehen wir mal geflissentlich. Ja, also, es ging mit einem netten 8% aus Zittau raus schon mal los. Kaum war ich mit einer schnellen Abfahrt in Großschönau angekommen, fand ich den Grenzübergang, den ich suchte und grinste in die Kamera.
Varnsdorf ist nicht schön zu durchfahren, vor allem ist die generelle Beschilderung, sagen wir mal, gewöhnungsbedürftig. Ich war froh, das ich die Generalkarte griffbereit hatte und die ausgeschilderten Fernziele suchen konnte. Aber auch durch so eine Stadt finde ich meinen Weg und stelle mit Schrecken fest, dass die gelbe Straße ein Bundesstraßenzubringer war. Natürlich ging es mit >8% da hinauf. Diese 3km waren hart. Ich zweifelte, ob die Tschechen überhaupt einen Führerschein machen müssen. Ich hoffte, das mich kein PKW und LKW Fahrer um fährt.
Hinter Studánka wurde es dann mit einem mal ruhig. Hier war Verkehr Fehlanzeige. Ich befand mich nun im Tal der Kirnitzsch. Theoretisch gesehen geht es ja nun nur noch Bergab. Dachte ich. Vorerst war es auch so. Ich verstand nun das System der Radwegbeschilderung. Hier werden keine Ortschaften ausgeschildert, sondern gewisse Streckenabschnitte haben eine Nummer. Das macht die Orientierung für mich deutlich einfacher. 3013 und dann auf die 3032 abbiegen. Klasse System.
Noch bin ich auf der 3013.
Kirnitzsch
Baustil in der böhmischen Schweiz
Ab hier ging es in den Nationalpark böhmische Schweiz. Die folgenden Kilometer durch die zum Teil sehr enge Sandsteinklamm haben mich sehr beeindruckt.
Immer wieder hielt ich an und schaute mir diese Schlucht an.
Viel zu schnell nahm es ein Ende und ich fuhr wieder nach Deutschl..., äähm, nein, nach Sachsen ein. Es gab keinerlei Hinweis darauf, das dort Deutschland ist. Nur der Hinweis auf Sachsen. Die Tschechen haben erst das Landeswappen und ein weiteres Schild mit der Region Ustí aufgestellt.
Jetzt durch Hinterhermsdorf und dann hinunter nach Bad Schandau. Wer hat denn hier den Berg hingelegt? Ach du Schande! Von da unten komme ich her und es ist noch lange nicht zu Ende (ca. 2/3 waren dort geschafft). Wieso sind denn da keine Serpentinen und warum geht es fast gerade aus nach oben? Ich muss gestehen, 2 Pausen habe ich gemacht und ich habe zweimal für 50m geschoben.
Auch das ging dann vorbei und ich war wieder im Tal der Kirnitzsch.
Einige Kilometer weiter unten führt dann über die Fahrbahn die Kirnitzschbahn das Tal hoch. Dort ist Gefälle der Straße recht gering. Zusammen mit dem kräftigen Gegenwind musste ich dann auch Bergab treten, um überhaupt vorwärts zu kommen.
Was für ein Kontrast, als ich in Bad Schandau an die Elbe kam. Es war sehr ungewohnt für mich, auf einem Mal so viele Menschen zu sehen. Erst einmal genoss ich den kleinen Triumph, doch ganz gut über die Steigungen gekommen zu sein und schaute mir in Ruhe die Elbe an.
Was zeigt der Tacho? 60km bis dort hin. Ein paar Kilometer werde ich noch an der Elbe entlang radeln. Es ist ja noch früh am Mittag. Erst einmal in Richtung Pirna. Wo soll ich die Elbeseite wechseln? Ist das überhaupt nötig? Ich hatte ja überhaupt keine Informationen über den Elberadweg. Ich folge einfach mal den Schildern.
In Königsstein kam der Hinweis, das man die Fähre nutzen soll und auf der anderen Elbeseite weiter fahren soll. Bis dahin ging es immer wieder gut hoch und runter. Das ich auf den vorherigen Kilometer deutlich zu wenig gegessen hatte, merkte ich nun deutlich. Auch die vielen Kilometer generell. Ich fing an zu rechnen, wie viele Kilometer ich denn nun schon auf der Tour generell hatte. Ob ich die 1000km voll machen werde? Es könnte knapp werden.
Ausblicke auf die Hänge der Elbe.
Das Lachen war mir doch ein wenig vergangen, denn langsam bekam ich leichte Krämpfe in den Beinen und die Muskulatur im Nacken zog sich auch merklich zusammen.
Also noch mal eine größere Pause einlegen, was essen, ein wenig die Muskulatur dehnen. Die Ausblicke genießen.
In Pirna sagte ich mir, bis nach Heidenau fährst du noch. Dort sah ich am Ortsausgang das Schild Dresden Zentrum 16km. Egal was jetzt noch kommt, in den Zug steigst du nicht. Diesen Triumph lässt du dir nicht nehmen!
Auf dem Radweg wurde es nun richtig voll. So viele Menschen auf einmal. Je näher Dresden kam, um so mehr Menschen bevölkerten den Radweg. Wie unangenehm, wenn man gerade aus so einer menschenleeren Gegend kommt.
Das blaue Wunder ist erreicht.
Ich war richtig stolz, als ich darunter her fuhr. Was für eine Strecke habe ich in den 11 Tagen Urlaub geschafft, was ich alles gesehen habe! Nach meinen Berechnungen sollten die 1000km voll werden, wenn ich An- und Abreise mit hinzuzähle.
Da stand ich nun bei den ganzen Sehenswürdigkeiten von Dresden, schaute mir diese kurz an, war schlichtweg von den vielen Menschen überfordert und fragte mich: was nun als erstes tun? Fahrkarte kaufen oder doch lieber erst eine Bleibe suchen? Erst die Fahrkarte, dann das Bett kaufen gehen. Aus irgendwelchen Gründen entschied ich mich dafür, den Bahnhof Neustadt zu nehmen. Die Fahrkarte wurde gekauft und am Servicepoint wurde nach einer Bleibe gefragt. In meinem Preisrahmen gab es wohl in Dresden kein Hotel, also fiel meine Wahl auf ein Hostel, ganz in der Nähe.
Dort war noch ein Bett in einem Mehrbettzimmer frei. Der Mitbewohner des Zimmers war männlich und unsympathisch. Der Kerl hatte in der Nacht nix besseres zu tun, als mehrfach zu masturbieren. Unschön für eine Frau so etwas mitzubekommen.
16.4.2009
Rückfahrt Dresden – Glesch
Glesch – Elsdorf
5km 0:15
Es ging mit dem Regionalexpress von Dresden bis nach Leipzig. Gefühlte 5h, tatsächliche 1:40h waren dies. In Leipzig war der IC pünktlich und kam sogar fast pünktlich in Köln an. Und ich musste mal zur Abwechslung NICHT 2mal im gleichen Zug umsteigen. Zum krönenden Abschluss noch 37min mit der Regionalbahn. Es nahm kein Ende. Es war einfach nur langweilig. 2 Bahnhöfe bevor ich aussteigen musste, mussten natürlich noch 3 Schüler von mir in den Wagen einsteigen. Die entsetzten Blicke von denen: unbezahlbar. „Frau xxxx! WAS machen SIE denn hier?“ „ Mit dem Zug fahren!“ Die Mitreisenden grinsten sich genauso einen weg wie ich mir.
Die 5km vom Bahnhof über das Feld nach Hause zogen sich. Nach der langen Sitzerei sind die Beine so richtig steif.
Fazit:
1001,9km
55:30h
9 Etappen, kürzeste 68,5km, längste 131,5km.
ca. 21h Zugfahrt
Unterkunft von Hostel bis Nobelschuppen
Essen/Trinken unterwegs: unzählbar
1 Mantel, der eine Beule bekam und entsorgt wurde, dafür kamen dann vorne und hinten Schwalbe Marathons drauf. Der Händler hat wohl noch nie eine Frau so schnell einen Reifenwechsel vorne/hinten gesehen
1 Lenkerendstopfen, der irgendwo an der Oder verloren ging
>300 Bilder
1 Schraube am Gepäckträger, die sich laufend löste und gegen eine längere Schraube vom Flaha getauscht wurde
absolut nervige Kette, die laufend sprang
halbe Tube Sixtus Gesäßcreme
nach 3 Tagen 1 Paket nach Hause mit den dicken Wintersachen
bester Sonnenschein
viele nette und hilfsbereite Leute getroffen
ein paar Vorurteile, die bestätigt wurden
viele Vorurteile, die entkräftet wurden
weitere Bilder findet ihr hier: http://www.flickr.com/photos/kathrin74/sets/72157616880242386/
Laut meiner Berechnung müsste ich jetzt so in etwa die Hälfte meiner Deutschlandumrundung geschafft haben. Ab jetzt wird es für eine lange Zeit recht bergig. Ich darf gespannt sein!
Im Juli 2009 (wenn nichts dazwischen kommt) geht es dann weiter an weiter ab Königsstein.
Ende!
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